Die Weiße Silberwurz

Dryas octopetalaL.

Blüte der Weißen Silberwurz

In vielen Bereichen der nördlichen Tundren bilden die Silberwurz, Moose und Flechten die Hauptvegetation. Als nun aber in Torfstichen außerhalb des heutigen Verbreitungsgebietes fossile Pflanzenteile der Weißen Silberwurz gefunden wurden, war das der Nachweis, dass in grauer Vorzeit die Klimabedingungen entsprechend den Bedürfnissen der Pflanze in ganz Europa gegeben sein mussten. Altersbestimmungen verwiesen auf die Zeit von ca. 10.700 bis 9.700 Jahre v.Chr. Es handelt sich dabei um die letzte Phase der letzten Eiszeit, die nach dieser Pflanze Jüngere Dryaszeit benannt wurde. Erst während der anschließenden Warmzeit zog sich die Weiße Silberwurz in die Hochgebirgslagen und in die nördlichen Tundren zurück. Daher kann Dryas oktopetala zurecht als Eiszeitrelikt bezeichnet werden.

Dryas octopetalaAus einer langen, kräftigen Pfahlwurzel wachsen langsam, aber mit den Jahren meterlange niederliegende und verzweigte Triebe, die knorrig verholzen und immer wieder selbst Wurzeln treiben, während sie in die Höhe nur wenige Zentimeter kurze Triebe ausbilden. So überzieht der typische Spalierstrauch allmählich ganze Geröllfelder und Schutthalden und befestigt diese mit seinem Geflecht.
Da der Sommer und damit die Vegetationszeit im Hochgebirge kurz ist, muss die Pflanze mit ihrem Stoffwechsel sehr rationell umgehen, was aber zur Folge hat, dass sie erstaunlich alt werden kann, angeblich 100 Jahre alt. Das rechtfertigt ihren Nahmen, der vom griechischen Wort Drys hergeleitet wurde und Eiche bedeutet, octopetala weist auf die bei Rosengewächsen eher außergewöhnliche Anzahl der Blütenblätter (8 Petale) hin. Auch die Fruchtbildung entspricht nicht dem, was wir von Rosengewächsen erwarten. Statt süßen Früchten, wie zum Beispiel bei den Erdbeeren, bildet die Weiße Silberwurz nur trockene Nüsschen, die zudem noch mit einem Flugorgan ausgestattet sind, was uns eher an ein Hahnenfüßgewächs denken lässt, wie zum Beispiel die Kuhschelle oder die Weiße Waldrebe.

Dryas octopetala

Doch die ledrig derbe Beschaffenheit der kleinen Blätter, deren Unterseite weiß filzig behaart sind und die Holzbildung der Triebe und Wurzeln machen deutlich, dass es sich tatsächlich um ein Rosengewächs handelt. So wie ja auch die Fingerkräuter Rosengewächse sind, die eben keine saftig süßen Früchte bilden.

Die kleinen Blätter sind oft in Schweizer Teemischungen enthalten. Sie wirken appetitanregend und schmerzlindernd bei Koliken.

Dryas octopetala

Michael Feiler, 13.12.2018

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