Die Pflege einer Blumenwiese

An einer Stelle eines Magerrasens auf der Schwäbischen Alb, tauchten plötzlich seltene Orchideen auf. Schon immer wurde diese Fläche durch Schafe regelmäßig abgeweidet. Aus Sorge um die botanische Rarität zäunten Naturschützer die besondere Stelle ein, um sie vor den Schafen zu schützen. Die Orchideen verschwanden daraufhin und kamen nicht wieder.

Bevor wir eine Blumenwiese pflegen wollen, müssen wir sie verstehen. Deshalb ist es unerlässlich darauf zu schauen, unter welchen Bedingungen die Blumenwiese entstanden ist und durch welche Maßnahmen wir heute dabei sind diesen Lebensraum zu verlieren. Im Kapitel über die Geschichte der Wiese bin ich darauf eingegangen.

Rasenmäher, Mulcher, Motorsensen, Kantentrimmer, Laubsauger Pflanzenschutzmittel Dünger und Torf kommen demnach auf einer Blumenwiese nicht zum Einsatz! Ein kluger Gärtner weiß genau, was er zu tun und vor allem, was er zu lassen hat und in der Blumenwiese geht's hauptsächlich um's "Lassen".
Da gibt's nur zwei Pflegemaßnahmen, die zwei mal jährlich zum richtigen Zeitpunkt durchzuführen sind: Das Mähen und das Abrechen des Mähgutes:

Mitte Juni, wenn die gelben Köpfchen der Margeriten bräunlich werden und die hohen Gräser bereits blühen, ihre Samen aber noch nicht ausgereift sind, sorgt die erste Mahd im Jahr dafür, dass das Sonnenlicht wieder bis zu den bodennahen Blattrosetten der nach Licht und Wärme schmachtenden Wiesenstauden und Kräuter vordringen kann.

Diese Arbeit kann in aller Ruhe (im wahrsten Sinne des Wortes) mit der Sense geleistet werden. Die Sense ist 4000 Jahre alt und hat sich bewährt, schon die Griechen, Ägypter und Perser benutzten solche Werkzeuge, wir sollten sie nicht aus arroganter Hightechversessenheit nun vergessen auch wenn wir damit nur 1 Tagwerk leisten können, und das sind  keine Hektar, sondern nur ca. 3000 m² pro Tag. Aber man kann sich auch ruhig einige Tage Zeit lassen, denn alles auf einmal abzumähen wäre gar nicht gut. Die frühen Morgenstunden, wenn durch die Feuchtigkeit der Nacht die Grashalme noch geschmeidig sind, das Sonnenlicht sanft die Landschaft erhellt und die Vögel ihren fröhlichen Gesang zum besten geben, ist dazu die geeignetste und schönste Zeit.
Schade eigentlich, dass wir uns solche Zeiten nicht mehr gönnen, denn Zeit ist Geld. In solchen Fällen und wenn die Fläche dann doch zu groß sein sollte, kann natürlich auch ein Balkenmäher zum Einsatz kommen. Der macht zwar einen Höllenlärm, schneidet aber das Gras nur unten ab ohne es in einem Luftstrom einzusaugen und zu häckseln, wie das bei Rasenmähern, Mulchgeräten etc. der Fall ist. Die Schnitthöhe darf ruhig auf 10 cm eingestellt sein.

Dass Schnittgut sollte auf der Fläche getrocknet werden, im Idealfall wird daraus Heu, das in irgendeinem Stall Verwendung findet. Andernfalls wird es abtransportiert und kompostiert.

Es gibt mehrere Gründe, weshalb wir unsere Blumenwiese nicht mulchen!

 

  • Wie vorher schon geschildert werden durch das Mulchen alle Wiesenbewohner, die nicht flüchten können geschreddert.
  • Man kann sich gut vorstellen, dass durch so eine Mulchschicht die vitalsten Gräser schnell durchkommen, die lichtbedürftigen Blattrosetten der Wiesenblumen darunter aber ersticken.
  • Durch die Verrottung der Mulchschicht wird der Boden mit Nährstoffen angereichert und diese fördern wiederum das Graswachstum, was die Wiesenblumen verdrängt.
  • Unter der Mulchschicht haben Schnecken feuchte und damit günstige Lebensverhältnisse, auch Wühlmäuse sind unter der Schicht vor ihren Beutegreifern gut geschützt und nehmen evtl. überhand.


Merke: Das Mähen und das Abräumen des Mähgutes sind die einzigen aber unverzichtbaren Pflegemaßnahmen. Ohne diese verschwindet die Artenvielfalt unserer Blumenwiese sehr schnell.

Der Zeitpunkt des zweiten Schnittes ist nicht mehr ganz so genau festgelegt wie der des ersten. Je nach Vegetation und Witterung sollte dieser im September, spätestens Mitte Oktober auf die gleiche Weise wie oben beschrieben erfolgen. Allerdings wäre es wünschenswert, würde nicht die ganze Fläche gemäht.

Wenn wir beim 1. Schnitt einen Teil ungemäht stehen lassen, der dann erst im Herbst mit dem 2. Schnitt gemäht wird, und wenn wir beim Herbstschnitt einen Streifen stehen lassen, den wir dann erst im folgenden Jahr mit dem 1. Schnitt mähen, dann spricht man von Altgrasbeständen.
Solche Altgrasbestände sind existentiell wichtig für viele Wiesenbewohner, da sie nur in ihm ihren Lebenszyklus vollenden können. Viele Insekten und die meisten Falter überwintern als Eie, Raupe oder Puppe an Grashalmen solcher Bestände (Beispiel) und wenn diese im Herbst aus falsch verstandener Ordnungsliebe gemulcht und entfernt werden, dann können solche komplexen Metamorphosen nicht stattfinden. Die Zahlen der Krefelder Studie (ext.) zeigen die Bilanz unseres Fehlverhaltens.

Auch wenn dieses Wissen dem einen oder anderen vielleicht neu ist, das Gebot die Felder nicht bis zum äußersten Rand abzumähen ist uralt und keine Forderung irgendwelcher gesponnenen Naturschützer:

Das Verbot der Nachlese:
„Wenn Ihr die Ernte eures Landes einbringt, sollt ihr das Feld nicht bis zum äußersten Rand abernten. Du sollst keine Nachlese von deiner Ernte halten." 

 Altes Testament Lev 19,9

Dieses Unterlassen der Nachlese wird im Alten Testament gefordert, damit auch die Fremden und Reisenden, die Armen und die Witwen und eben alle anderen Mitgeschöpfe eine Überlebenschance haben, denn es ist auch deren Lebensraum.

Würde jedoch die gesamte Fläche im Herbst nicht gemäht, hätte das wiederum negative Auswirkungen auf die Artenvielfalt der Blumenwiese. Aus diesem Grund ist es auch wichtig den Altgrasbestand jedesmal an einer anderen Stelle stehen zu lassen.

Da nun die Blumenwiesen in unseren Siedlungen auch für uns Menschen da sein sollen, könnte man zum Beispiel auch eine Ruhebank mitten in sie hinein stellen und mit dem Mäher (auch das geht mit etwas Geschick mit der Sense) einen schmalen Pfad dorthin anlegen. So könnte man dem bunten Leben in der Blumenwiese ganz nahe kommen und unsere Kinder könnten das hautnah erleben, wofür wir im Schmetterlingshaus auf der Mainau ordentlich Eintritt zahlen müssen. Die Blumenwiese würde zum Ort der Ruhe und Besinnung oder der Geselligkeit mit dem Nachbarn nach Feierabend. Sie ist das kleine Stück Paradies nebenan für Pflanzen, Tiere und Menschen.

„... Franziskus forderte, im Konvent immer einen Teil des Gartens unbebaut zu lassen, damit dort die wilden Kräuter wüchsen und die, welche sie bewunderten, ihren Blick zu Gott, dem Schöpfer solcher Schönheit erheben könnten." 

Papst Franziskus ENZYKLIKA LAUDATO SI‘ 24.05.2015

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