An lichten Stellen in Laubwäldern, an denen der Boden lehmig oder tonig, nährstoffreich, mullreich und eher feucht ist, treffen wir oft auf eine Pflanze, vor deren Beeren wir unsere Kinder eindringlich warnen müssen. Es ist Atropa belladonna, die Tollkirsche, die einerseits aus derselben Pflanzenfamilie der Nachtschattengewächse (Solanaceae) stammt wie einige unserer Nutzpflanzen, die Kartoffel, die Tomate, die Paprika, die Aubergine, die Eierfrucht und auch der Tabak, andererseits ist sie in allen Pflanzenteilen tödlich giftig.

Auf diese Giftigkeit bezieht sich der botanische Gattungsname "Atropa": Die griechische Schicksalsgöttin Atropos ist die Göttin, die den "Lebensfaden" durchtrennt. Auf die Bedeutung des botanischen Artnamens werden wir zu sprechen kommen, wenn die Wirkungen der Inhaltsstoffe beleuchtet werden.

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Wenden wir uns dem Erscheinungsbild der mehrjährigen Staude zu, dann fällt uns auf, dass der oberirdische Pflanzenkörper in zweierlei Bereiche eingeteilt werden kann: Der "Unterbau" wächst vertikal, und seine großen, einfachen Blätter sind wechselständig, schraubig angeordnet. Erst in etwa einem Meter Höhe wird dem Längenwachstum durch eine endständige Blüte Einhalt geboten. Nun verzweigt sich der Trieb in vier oder fünf in die Horizontale wachsende Seitentriebe. Ihre größeren Blätter breiten sich rechts und links des Zweiges flächig aus, die kleineren stehen scheinbar gegenständig zu den größeren und sind oft aufgerichtet. Diese Gegenständigkeit des großen und des kleinen Blattes ist deshalb nur scheinbar, weil das kleinere in Wirklichkeit zum vorherigen größeren Blatt der gegenüberliegenden Seite gehört. Es handelt sich hierbei um verwirrende Gesetzmäßigkeiten der Sprossgenerationen untereinander, man spricht von Blattverstellungen, auf die ich vielleicht, wenn ich geeignetes Bildmaterial habe, gesondert eingehen werde.

Die Stängel und die breit-lanzettlich bis eiförmig zugespitzten, ganzrandigen Blätter sind drüsig behaart. Aus den Blattachseln entspringt je eine gestielte, 2-3cm lange, braunviolette Blüte.

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Die braunviolette Blüte sitzt in einem fünfzipfligen Kelch, welcher noch in der Größe weiter wächst, wenn die Blüte schon verblüht ist. Dieses Phänomen ist bei vielen Nachtschattengewächsen verbreitet und tritt bei der Judenkirsche (Physalis alkekengi) besonders deutlich als orangener "Ballon" zu Tage, wegen dem diese Pflanze als winterlicher Trockenstrauß geschätzt wird.

In dem Kelch der Tollkirsche bildet sich zunächst eine grüne Beere, die mit zunehmender Reife im August kirschengroß und glänzend schwarz wird.

In diesem Stadium stellt die Tollkirsche eine ernstzunehmende Gefahr für im Wald umherstreunende, unwissende Kinder dar, da schon 3-4 Beeren, die ja appetitlich aussehen und auch nicht schlecht schmecken (keine eigene Erfahrung!), für Kinder tödlich sein können. Aus diesem Grunde sollten Kinder bei Waldspaziergängen mit der Pflanze bekannt gemacht und über ihre Giftigkeit aufgeklärt werden!!

 

Im Herbst sterben die oberirdischen Pflanzenteile ab. Die Tollkirsche überwintert im Wurzelstock, um im Mai erneut auszutreiben.

 

Aus einem Buch über Pflanzengifte entnehme ich erschreckende Vergiftungserscheinungen, die schon innerhalb einer viertel Stunde einsetzen:

Unruhe und allgemeine Erregung oft auch in erotischer Hinsicht. Starke Euphorie (Lachen, übersteigerte Heiterkeit), die aber schnell in Weinkrämpfe umschlagen können. Starker Bewegungsdrang, Tanzlust.

Diese Zustände verstärken sich und paaren sich mit Verwirrtheit, Halluzinationen, Zunahme des Erregungszustandes bis hin zu Tobsuchtsanfällen...

Nun wird uns die Bedeutung des deutschen Namens "Tollkirsche" klar.

Sicherlich wegen dieser halluzinogenen Wirkung war die Tollkirsche Hauptbestandteil, neben dem Bilsenkraut und der Alraune (ebenfalls hochgiftige Nachtschattengewächse), in verschiedenen mittelalterlichen Rausch-, Liebes-, Zauber- und Giftgetränken und -salben. Die sogenannte "Flugsalbe" enthielt u.a. Tollkirsche und wurde auf die Hexenbesen aufgetragen...

Weitere Vergiftungserscheinungen: Die Atmung vertieft und beschleunigt sich. Herzklopfen, Herzrasen, Blutdruckanstieg, Rötung und Überwärmung und Austrocknen der Haut, stark erhöhte Körpertemperatur. Reduktion der Speichelsekretion und dadurch Mund- und Rachentrockenheit, bis hin zu Schluckbeschwerden und Sprechunvermögen. Diese Hemmung der Sekretion findet auch im Magen und im Pankreas statt. Diese Wirkung nutzt man in der Medizin unter anderem zur Operationsvorbereitung.

Die starke Lichtscheu ist bedingt durch eine maximale Erweiterung und Starre der Pupillen. Wieder eine Wirkung, die in der Augenmedizin noch heute genutzt wird, nämlich zur Erweiterung der Pupillen zu diagnostischen Zwecken.

Schöne Frauen müssen große, dunkle Augen und einen verträumten Blick haben. Dieser Meinung waren zumindest die Menschen im Mittelalter und erreichten das mit dem Saft der Tollkirsche. Und damit wäre dann auch der botanische Artname erklärt: "bella-donna" heißt "schöne Dame".

Erschöpfung, Lähmung und Bewusstlosigkeit treten ein, und eine Atemlähmung führt zur Cyanose.

Dann durchtrennt die Schicksalsgöttin Atropos den Lebensfaden.

 

Hauptwirkstoffe:

 

Alkaloide

 

L-Hyoscyamin, Atropin, Scopolamin, (Hyoscin), Atropamin (Apoatropin)

 

In der Homöopathie verwendet man das Präparat aus der ganzen frischen Pflanze in den Potenzen D3 bis D6 bei krampfartigen Beschwerden wie zum Beispiel Periodenschmerzen, Magen- oder Darmkoliken...

Auch bei Asthma und bei Gicht wird sie verwendet.

 

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