Auf eine Christblume

Tochter des Waldes, du Lilienverwandte,

so lang von mir gesucht, unbekannte,

im fremden Kirchhof, öd und winterlich,

zum erstenmal, o schöne, find ich Dich!

 

Von welcher Hand gepflegt du hier erblühtest,

ich weiß es nicht, noch wessen Grab du hütest;

ist es ein Jüngling, so geschah ihm Heil,

ist's eine Jungfrau, lieblich fiel ihr Teil.

 

Schön bist du, Kind des Mondes, nicht der Sonne;

die wäre tödlich andrer Blumen Wonne,

dich nährt, den keuschen Leib voll Reif und Duft,

himmlischer Kälte balsamsüßer Luft.

 

In deines Busens goldner Fülle gründet

ein Wohlgeruch, der sich nur kaum verkündet;

so duftete, berührt von Engelshand,

der benedeiten Mutter Brautgewand.

 

Dich würden, mahnend an das heilge Leiden,

fünf Purpurtropfen schön und einzig kleiden:

Doch kindlich zierst du, um die Weihnachtszeit,

lichtgrün mit einem Hauch dein weißes Kleid.

Eduard Mörike.

 

Dia 35 mm

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digital 3 megapixel

 

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Wenn wir das Gedicht von Eduard Mörike aufmerksam gelesen haben, so wissen wir schon sehr viel über die winterliche Blütenpflanze.

Die 5-25 cm hoch werdende Staude wird in die Familie der Hahnenfußgewächse (Ranunculaceae) eingeordnet. Weil die pulverisierte Wurzel zu Nies- und Schnupfenpulver verwendet wurde, heißt die Pflanze auch Nieswurz, wegen ihrer schwarzen Wurzel auch Schwarzer Nieswurz. Die Namen Schnee- oder Christrose und Christblume weisen auf die Tatsache hin, dass sie meist schon zur Weihnachtszeit blüht.

Die Staude überwintert in einem schwarzbraunen, kurzen Wurzelstock und treibt dann mehrere Stängel aus. Die grundständigen, überwinternden Blätter sind ledrig und meist dunkelgrün glänzend. Die Blüten stehen auf ihrem aufrechten, dicken Blütenstiel und erreichen einen Durchmesser von etwa 7 cm. Die Blütenkronblätter entsprechen den Kelchblättern der meisten Blütenpflanzen und sind zuerst weiß oder rosa, später werden sie grün oder purpurrot. Zwischen den Blütenkronblättern und den Staubblättern finden wir grünliche Honigblätter, in denen die bestäubenden Insekten, hauptsächlich Bienen und Hummeln, reichlich für ihre Dienste mit Nektar belohnt werden.

Die Samen reifen in einer vielsamigen Balgfrucht und werden unter anderem von Ameisen verschleppt.

 

Die Christrose ist eine Pflanze der lichten Bergwälder, besiedelt nährstoff- und mullreiche, lockere und steinige, lehmige Kalkböden, in eher feuchten Lagen. Sie ist in den östlichen, nördlichen und südlichen Kalkalpen natürlich verbreitet, dort aber sehr selten und steht unter strengem Naturschutz. Sie ist auch eine beliebte Garten- und Friedhofpflanze, wird häufig in weihnachtlichen Gestecken eingebunden.

 

Alle Teile der Pflanze sind stark giftig! 

Als Vergiftungserscheinungen zeigen sich Entzündungen der Mundschleimhaut, Übelkeit, Durchfall, Gefäßkrämpfe, erweiterte Pupillen, Atemnot, Herzrhythmusstörungen, Atemlähmung.

Die Drogen sind der getrocknete Wurzelstock und die frischen unterirdischen Teile.

Die Droge soll typische Saponinwirkung (Schleimhautreizung) haben.

Volkstümlich wurde die Droge bei Verstopfung, Übelkeit, Wurmbefall, zur Menstruationsregulierung sowie bei akuter Nephritis verwendet.

In der Homöopathie setzt man sie bei depressiven Verstimmungen und Melancholie sowie bei Nierenentzündung, Schrumpfniere und bei Herzschwäche mit Ödembildung ein.

 

Wirkstoffe:

- Steroidsaponine (Helleborin)

- herzwirksame Steroidglykoside.

 

Was meint Eduard Mörike, wenn er die Christblume als lilienverwandt bezeichnet?

Mit Sicherheit dachte er dabei nicht an die botanische Familienzugehörigkeit.

Er will damit die Christblume mit der Symbolik der Lilie in Verbindung bringen.

Die Lilie gilt als Symbol der Reinheit und Unberührtheit, sie ist die Blume der Nacht und des Jenseits, des nachtodlichen sowie des vorgeburtlichen Daseins der Seele (ganz gegensätzlich dazu die rote Rose). Bei der Verkündung trägt der Engel Gabriel die Lilie in seiner Hand. Das ist auch der Grund, weshalb der Blumenschmuck bei Begräbnisfeiern aus weißen Lilien besteht.

In der lichtärmsten Zeit des Jahres, wenn die Sonne am tiefsten steht, entfaltet die Christrose oft zwischen Eis und Schnee ihre weißen Blüten, deshalb bezeichnet sie der Poet als "Kind des Mondes, nicht der Sonne". Mag das wiederum im Zusammenhang stehen mit der medizinischen Anwendung in der Homöopathie bei depressiven Verstimmungen und Melancholie? (vergleiche dazu Hypericum perforatum).

 

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